Entscheidung im Prozess zum Mord an Hatun Sürücü erwartet

Gedenken an Hatun Sürüc

Das Gericht in Istanbul hat den 38-Jährigen gerade vom Vorwurf der Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung seiner damals 23-jährigen Schwester Hatun Sürücü in Berlin freigesprochen.

Berlin/istanbul. Der eben noch Angeklagte dreht sich nach dem Freispruch noch einmal triumphierend zu den anwesenden Medienvertretern um. Die Gerichtsdiener zerren ihn weg. Sie hatte im Prozess gegen ihren Ex-Freund in Deutschland ausgesagt, dieser habe ihr vom Mitwirken der beiden Brüder erzählt. Das Ziel der beiden Angeklagten sei es gewesen, die Familienehre wieder herzustellen. Freispruch für den Älteren gab es auch vom Vorwurf, die Tatwaffe besorgt zu haben.

Die Istanbuler Staatsanwaltschaft hatte für Mutlu und Alpaslan Sürücü, die zum Zeitpunkt der Tat 24 und 25 Jahre alt waren, lebenslange Haft gefordert. Der jüngere Angeklagte habe mit Ayhan am 7. Februar 2005 noch zu Abend gegessen und ihn dann um 20.15 Uhr zur Wohnung von Hatun Sürücü in Berlin-Tempelhof begleitet. Ayhan Sürücü nahm die alleinige Schuld damals auf sich und wurde deswegen in Berlin zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Ayhan soll als Täter ausgesucht worden sein, weil er als zum Tatzeitpunkt 19-Jähriger mit einer relativ milden Strafe rechnen konnte - eine Taktik, die bei "Ehrenmorden" häufig angewendet wird. Vielmehr störten sich die Brüder nach Auffassung der Anklage am Lebensstil ihrer Schwester. Nach Zahlen der türkischen Internetplattform Bianet töteten Männer im Jahr 2016 in der Türkei 261 Frauen und Mädchen, allein im ersten Quartal 2017 waren es 101 Morde an Frauen; wobei 58 Prozent von Familienangehörigen begangen werden - oft aus "verletzter Ehre". Hatun hatte sich nach einer Zwangsverheiratung scheiden lassen. Die Familie versuchte zudem vor Gericht, mit Fotos zu beweisen, dass sie sich durchaus dem Lebensstil in Deutschland angepasst habe. Vor den Istanbuler Richtern wiederholten die drei Sürücüs nun ihre Version der Dinge: Ayhan bekräftigte, er habe den Mord allein und ohne Hilfe seiner Brüder begangen. Die Mitangeklagten älteren Brüder waren zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden und entzogen sich, nachdem der Bundesgerichtshof die Freisprüche 2007 aufhob, weiteren Verfahren durch ihre Flucht in die Türkei. Weil sich die beiden Männer in die Türkei abgesetzt hatten, konnte der Prozess jedoch nicht neu aufgerollt werden. Das Mordmotiv wäre damit der Schutz althergebrachter Traditionen gewesen - was seit einer Reform aus dem Jahr 2005 in der Türkei als erschwerender Tatbestand gilt.

Aus Sicht der Verteidigung in Istanbul wurde das Verfahren wegen politischen und gesellschaftlichen Druckes wieder aufgenommen. Sie beschuldigte die deutschen Medien am letzten Prozesstag zudem, die Angeklagten vorverurteilt zu haben. Die Türkei hatte zuvor die Auslieferung der zwei Brüder Mutlu und Alpaslan Sürücü abgelehnt. Ohne sie erneut zu hören hätte sich womöglich auch ein deutsches Gericht schwer getan, zu einem anderen Urteil zu kommen. Zwar wurden einige wenige Zeugen gehört, aber die wichtigste Person konnte vor dem türkischen Gericht nicht wieder befragt werden: Melek. Nach Einschätzung der Anwältin und Frauenrechtlerin Rukiye Leyla Süren, die als Beobachterin am Prozess teilnahm, steht der Fall stellvertretend für die Rechte aller getöteten Frauen. Der türkischen Staatsanwaltschaft habe nichts anderes vorgelegen als "lediglich eine Kopie der Akten in Deutschland".

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