Der moderne Mensch ist wesentlich älter als angenommen

Die Grafik zeigt eine Rekonstruktion der gefundenen Fossilien in Jebel Irhoud

Der Anfang der Menschheit reicht viel weiter zurück als bislang angenommen. Die ältesten Belege für Vertreter von Homo sapiens stammten bislang aus Äthiopien und sind knapp 200.000 Jahre alt.

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Abdelouaded Ben-Ncer vom Nationalen Institut für Archäologie in Marokko untersuchte die Überreste ganz genau. Experten, die an der Studie nicht beteiligt waren, sprechen von einer Sensation. Zugleich berichteten sie bei einer Pressekonferenz in Paris über die Entdeckung der uralten Knochen, ihre Datierung und die einstige Ausbreitung des Homo sapiens in Afrika, das als Wiege der Menschheit gilt.

Die neuen Erkenntnisse lassen nun aber auch umstrittene frühere Funde in einem neuen Licht erscheinen: So rechnen die Wissenschafter ein etwa 260.000 Jahre altes Schädelfragment aus Florisbad in Südafrika nun ebenfalls dem Homo sapiens zu.

Forscher hatten es uns so schön ausgemalt: Vor rund 200 000 Jahren wurde in Ostafrika in einem Entwicklungsspurt der moderne Mensch geboren. Lange bevor der moderne Mensch Afrika vor etwa 100 000 Jahren verließ, hat er demnach bereits den ganzen Kontinent besiedelt.

In Jebel Irhoud, 100 Kilometer nordwestlich von Marrakesch, haben die Forscher 22 versteinerte Überreste von Knochen, Schädeln, Kiefern und Zähnen gefunden. Zehn Jahre dauerte diese unglaublich mühselige Kleinarbeit.

Die aktuellen Erkenntnisse gehen aber weit über die zeitliche Einordnung hinaus, haben die Anthropologen doch die marokkanischen Schädel mit modernster Computertomografie und statistischer Analysen auf Basis von Hunderten von Messpunkten analysiert. "Das bedeutet, dass sich die Form der Gesichtsknochen bereits zu Beginn der Evolution unserer Art entwickelt hat", beschreibt Ko-Autor Philipp Gunz vom MPI. Dagegen hätten sich die Form des Gehirns und womöglich auch seine Funktion erst innerhalb der späteren Entwicklung verändert. "In Jebel Irhoud hatten wir Glück, dass so viele Steinwerkzeuge erhitzt worden waren", erklärt Hublins MPI-Kollege Daniel Richter, Erstautor einer ebenfalls in "Nature" veröffentlichten Datierungsstudie. Früher am Eva und jetzt in Freiberg tätig, sondierte er dahingehend Feuersteine aus den Fundschichten und datierte sie. Dieses Verfahren bestimmt über den Zerfall natürlicher radioaktiver Elemente den Zeitraum seit dem Erhitzen.

In einem "Nature"-Kommentar schreiben Chris Stringer und Julia Galway-Witham vom Natural History Museum in London: "Wir stimmen mit Hublin und Kollegen überein, dass die Jebel-Irhoud-Fossilien nun die am besten datierten Beweise für eine frühe 'vormodern' Phase in der Evolution des Homo sapiens darstellen".

"Nach diesen Ergebnissen muss die Wiege unserer Art vor mehr als 300000 Jahren in der Savanne gestanden haben", sagt auch Ottmar Kullmer, Spezialist für die Morphologie früher Menschen am Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt. Er lebte unter anderem in Europa und starb vor etwa 40'000 Jahren aus.

Spektakulärer Fund: In Marokko haben Forscher die ältesten bekannten Fossilien des Homo sapiens entdeckt – und damit unserer Vorfahren.

Jebel Irhoud ist seit den 1960er Jahren für Aktivitäten des Menschen in der Mittleren Steinzeit bekannt. Er lebte etwa vor 700'000 bis vor 200'000 Jahren.

Der Homo naledi, gefunden in Südafrika, ist noch nicht sicher eingeordnet. Zudem gelang dem Team die Altersbestimmung eines schon in den 1960-er Jahren gefundenen Unterkiefers mit einer neu kalibrierten Uran-Thorium-Datierung.

Die neuen Fossilien geben auch Einblick in den Speiseplan des frühen modernen Menschen: So gab es eine Menge Gazellenfleisch und gelegentlich Gnu, Zebra und andere Wildgerichte.

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