Viele Mütter duldeten Kindesmissbrauch

Die Kommission die im Mai 2016 ihre Arbeit aufnahm untersucht sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik und in der früheren DDR

"Zu den Tätern gehörten Väter, Großväter, Stiefväter, ältere Geschwister und manchmal auch die Mütter", so Andresen. In den allerwenigsten Fällen haben die Mütter ihren Kindern geglaubt und sich vor sie gestellt.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch hat am Mittwoch in Berlin einen ersten Zwischenbericht vorgelegt. Als Leonie die Mutter wieder ins Vertrauen zog, reagierte die anders als zuvor und schimpfte: "Du machst die Familie kaputt". Insbesondere Mütter hätten Missbrauch als Mitwissende geduldet und ihn dadurch unterstützt, heißt es in der Studie.

"Der Bericht gibt einen tiefen Einblick in das Versagen von Müttern", sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, der Deutschen Presse-Agentur. Viele Betroffene erlebten ohnmächtige Mütter - oder Mütter, die nicht einschritten, um ihren Partner nicht zu verlieren. Die Sammlung der Einzelschicksale sei erschütternd, so Rörig gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. "Die Betroffenen sprechen, damit sich etwas verändert", erklärte Bundesfamilienministerin Katarina Barley.

Die Kommission hatte im Mai 2016 die Arbeit aufgenommen.

Vor allem im familiären Umfeld hätten viele Kinder den Missbrauch nicht offenbart - was den Aussagen zufolge auch mit der Täterstrategie zu tun hat, dem Kind zu drohen oder ihm Schuldgefühle einzureden. Deshalb legte die Kommission einen ersten Schwerpunkt auf sexuellen Missbrauch in der Familie.

"Manche Betroffene haben zum ersten Mal über ihre Erlebnisse gesprochen", betonte Rörig.

"Es sind Lebensgeschichten, die aufwühlen", sagte Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission. "Dass Angehörige Bescheid wissen, aber nicht eingreifen, erzeugt ein unheimlich großes Leid".

Viele Kinder wurden nicht nur von einem, sondern von mehreren Tätern missbraucht. Auch Hilfe von außerhalb der Familie sei selten, weil diese als Privatraum angesehen werde.

Rörig sieht sexuellen Missbrauch nicht allein als Problem der Vergangenheit. "Du machst die Familie kaputt", sagte sie. Wissenschaftler müssten Einsicht in Täterakten nehmen können. "Damit eine Mutter einen Konflikt immer mit Blick auf das Kindeswohl löst - und nicht die Gefahr des Auseinanderbrechens der Familie als größer einschätzt". Insgesamt haben sich bislang rund 1000 Missbrauchsopfer bei der Kommission gemeldet, die Mehrheit wartet noch auf die Anhörung. "Sexueller Missbrauch ist kein exotisches Schmuddelthema, sondern eine Grundkonstante von Kindheit und Jugend in Deutschland", sagte er. Zwei bis drei Kinder pro Schulklasse würden Opfer sexueller Übergriffe, oftmals mit dramatischen Folgen. Katsch fordert, "dass über die Ursachen und die Verantwortung über dieses generelle Versagen der Gesellschaft beim Schutz von Kindern geredet werden muss". Und es gilt, dieses Schweigen dauerhaft zu durchbrechen. Melden sich weitere Betroffene, kann ihnen nach dem heutigen Stand nicht zugehört werden. Zum Vergleich: Einer in England und Wales eingesetzten Kommission mit ähnlichen Aufgaben stehen pro Jahr umgerechnet 23 Millionen Euro zur Verfügung. Jetzt hat die Kommission ihre bisherigen Erkenntnisse in einem Zwischenbericht veröffentlicht. Daraus werden zum Beispiel Therapien finanziert, die Krankenkassen nicht bezahlen. Auch das Opferentschädigungsgesetz, das für Opfer sexueller Gewalt hohe Hürden bereithalte, müsse dringend reformiert werden, erklärte Christine Bergmann, ehemalige Familienministerin und Kommissionsmitglied. Bisher trägt deshalb der Bund die Hauptfinanzierung.

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