Prozess um Tod von Flüchtlingen in Kühllaster begonnen

Die Schlepper hörten ihre Schreie

71 Flüchtlinge erstickten qualvoll im Laderaum eines Lastwagens. Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich bereits nach 40 Minuten Fahrt abspielten: Die Menschen hämmerten gegen die Frachtraumwände und schrien lauthals, weil sie keine Luft mehr bekamen, rekonstruierte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch am Gericht in Kecskemet in Ungarn, als der Prozess gegen die Schlepper startete. Die Staatsanwaltschaft will vier von ihnen des Mordes überführen. Seit Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich beziehungsweise Deutschland.

Den führerlosen Kühllaster mit ungarischem Kennzeichen und slowakischer Firmen-Aufschrift hatte Seitz dort schon am Vorabend bemerkt. Laut Staatsanwaltschaft hatten die beiden sogar verboten, die Frachtraumtür zu öffnen, obwohl der 26-jährige Fahrer mehrmals anrief und bekundete, dass die Insassen großen Lärm machen würden. Ihr Blick fällt auf ineinander verkeilte, verrenkte Körper mit kaum zu erkennenden Gesichtern.

Der Erstangeklagte gab noch die Anweisung, falls die Migranten sterben sollten, sollten ihre Leichen in Deutschland entsorgt werden. Von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Er habe mit einem Bulgaren (31) und einem bulgarisch-libanesischen Staatsangehörigen (51) von Februar bis August 2015 die Fahrten organisiert, so die Anklage. Daran nimmt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teil. Die Flüchtlinge versuchten noch, Löcher in die Lkw-Wand zu schlagen, doch vergebens. Als der Lkw die Grenze zu Österreich passierte, waren alle 71 tot.

Tragödien dieses Ausmaßes ereigneten sich infolgedessen auf dem Landkorridor zwischen der Türkei und Österreich nicht mehr. Von den 71 Toten in der Pannenbucht bei Parndorf im Burgenland habe sie nichts gewusst.

Das Gericht in Kecskemet hat nach dem Prozessauftakt am Mittwoch noch weitere Verhandlungstage für den 22., 23., 29. und 30. Juni angesetzt.

Ungarn übernahm die juristische Aufarbeitung, weil die Opfer bereits auf ungarischem Gebiet gestorben waren. Einer ist noch flüchtig, ihm wird in Abwesenheit der Prozess gemacht. Kecskemet, 100 Kilometer südlich von Budapest, ist eines der Zentren dieser Region.

Die Angeklagten kamen in Handschellen und begleitet von teils vermummten Justizwachebeamten vom nahe liegenden Gefängnis in das Gericht. 26 Anklagepunkte werden zu verhandeln, 59.000 Seiten an Ermittlungsmaterial zu würdigen und 15 Sachverständige anzuhören sein. In der Gegend von Morahalom-Domaszek angekommen, wurde der 30-Jährige von - bisher nicht identifizierten - Hintermännern informiert, dass er die Flüchtlinge nun nach Westeuropa bringen könne.

Einen Tag später fand die österreichische Polizei die Leichen von 71 Flüchtlingen in dem auf einem Autobahnparkplatz bei Parndorf abgestellten Kühlwagen. Immer wieder wurden Menschen in den Laderäumen ohnmächtig. Nicht selten seien sie dem Tod nur knapp entronnen. Den vier des Mords angeklagten Hauptverdächtigen drohen lebenslange Haftstrafen. Diese Fahrten seien zur Qual für die Geschleppten geworden, so die Staatsanwaltschaft.

Zugleich sind nur sieben Zeugen vorgeladen. Zehn Bandenmitglieder hatten auf der Anklagebank Platz genommen, ein Mann ist noch auf der Flucht. Auch die Todesfahrt selbst zeichneten die Ermittler auf.

Daraus lassen sich erdrückende Beweise für die Mordanklage ableiten. Daraufhin erteilte Bandenchef L. über seinen Vize die Weisung an den Fahrer: "Sag ihm, er soll nur weiterfahren".

Laut Anklage soll die Bande mehr als 1200 Flüchtlinge auf der Balkanroute Richtung Deutschland transportiert haben, bis zu 5000 Euro kassierten die Schleuser pro Person.

Die Enthüllungen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" werfen aber auch die Frage auf, warum die ungarischen Behörden nicht eingeschritten sind. "Durch Ungarn sind sie nur durchgereist".

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