Engpässe in der Versorgung von depressiven Diabetikern

Die Suizidgefahr bei Diabetes steigt im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung besonders bei jüngeren Männern mit Typ-1-Diabetes. /dpa

Dafür gibt es spezielle Expertise - zum Beispiel von Fachpsychologen Diabetes der DDG.

Viele Diabetes-Patienten leiden auch an Depressionen. Andrea Benecke, Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). "Patienten mit Diabetes müssen jeden Tag Verantwortung für ihre Therapie übernehmen, ihre Blutzuckerwerte genau im Blick haben, Medikamente dosieren und einnehmen, Rückschläge verarbeiten", erläutert Kulzer. Oft seien die Patienten nicht mehr ausreichend in der Lage, die notwendigen Blutzuckermessungen durchzuführen und sich Insulin zu spritzen. Sie versinken in negativen Gedanken, wie: "Ich kann den Diabetes nicht mehr ertragen", "Ich tue mein Bestes, aber es reicht nicht", "Ich will meine Ruhe haben und keinen Diabetes". In der Konsequenz verschlechtert sich der Langzeitblutzuckerwert HbA1c. Ohne eine psychotherapeutische Behandlung könne in solchen Fällen kaum noch eine erfolgreiche Diabetes-Therapie erfolgen.

Darüber hinaus übt die Depression einen direkten negativen körperlichen Einfluss auf die Stoffwechselstörung aus. Grund: Die psychische Erkrankung führt über eine Aktivierung der Hypophysen-Nebennieren-Achse zu einer Erhöhung entzündlicher Prozesse an den großen und kleinen Blutgefäßen. Insbesondere begrüßte Kulzer, dass sich die psychotherapeutische Versorgung für Diabetiker mit Depression künftig dadurch verbessern werde, weil der Deutsche Psychotherapeutentag Anfang des Jahres die Weiterbildung um die "Spezielle Psychotherapie bei Diabetes" ergänzt hat. Ein weiterer Faktor ist die erhöhte Suizidrate. "Wir müssen leider feststellen, dass das Suizidrisiko höher liegt als bei depressiven Menschen ohne Diabetes", so Prof. Besonders gefährdet seien jüngere Männer mit Typ-1-Diabetes, die als Folge ihrer Grunderkrankung eine erektile Dysfunktion und damit eine Schwächung ihres Selbstwertgefühls erleiden.

Von den rund 6,5 Millionen Menschen in Deutschland, die an Diabetes erkrankt sind, leiden laut Mitteilung der DDG schätzungsweise 800.000 Menschen gleichzeitig an einer behandlungsbedürftigen Depression.

- Bislang unterschätzt worden sei das Mortalitätsrisiko depressiver Diabetiker. Über 50 Prozent aller Depressionen bei Diabetikern seien bislang nicht erkannt, weil ersten Symptomen zu wenig Beachtung geschenkt werde. "Die Diagnose wird viel zu selten gestellt", so Kulzer. Patienten sollten daher auf entsprechende Warnzeichen achten. "Wenn die Therapie zur Last wird und mehr Energie als bisher kostet, ist das ein Alarmsignal", erklärt der Psychologe.

- Eine Depression erschwere massiv das Selbstmanagement von Diabetikern, etwa bei der Ernährung, der Bewegung, der Blutzuckermessung und dementsprechend auch bei der Insulingabe. Damit kommen "Depressionen bei Menschen mit Diabetes doppelt so häufig vor wie in der Allgemeinbevölkerung", so Professor Dr. Diplom-Psychologe Bernd Kulzer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Andrea Bennecke. Eine Verbesserung der Versorgungssituation sieht sie in dem seit dem 1. April dieses Jahres geltenden Verpflichtung der Psychotherapeuten, Akutsprechstunden für einen niedrigschwelligen Zugang anzubieten. Arch Intern Med. 2000 Nov 27;160 (21):3278-85. Manag Care Interface. 2006 Mar;19 (3):39-46.

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