Film: Ingmar Bergman: Sinnsuche und die Kraft des Schweigens

Der schwedische Meisterregisseur beeinflusste ganze Generationen

Hier, im südschwedischen Naturschutzgebiet, hatte in Ingmar Bergmans Filmklassiker "Das siebente Siegel" ein weißgesichtiger Tod seinen unvergesslichen Auftritt. So ist die deutsche Filmemacherin für ihr Dokumentarprojekt überraschend viel gereist, um Wegbegleiter, Familienmitglieder und Nachfolger Bergmans vor die Kamera zu bekommen. Bis sie 18 war, war sie an Malerei, Oper und Theater interessiert.

Im Jahr 1997 wurde Ingmar Bergman auf den Filmfestspielen von Cannes zum besten Regisseur aller Zeiten ernannt. Von Trottas Film besteht aus Bergman-Miniaturen, die keine Deutungshoheit beanspruchen. Jahre später hat Bergman von Trotta gestanden, dass "Die bleierne Zeit" ihm in einer schweren Krise die Kraft gegeben habe, weiterzumachen. Bergmans existenzielle Themen, seine Auseinandersetzung mit dem Tod, etwa in "Wilde Erdbeeren", markierten einen großen Abstand zu den gegen psychologischen Tiefsinn allergischen Filmen der Nouvelle Vague. Auf seiner Liste mit den zehn persönlich bedeutsamsten Filmen notierte Bergman übrigens "Die bleierne Zeit". Sondern von der Regisseurin Margarethe von Trotta. Und zwar nicht, das war ihr schnell klar, als klassische Dokumentation. Das war in Paris, Anfang der 60er Jahre. Nach Paris, wo sie "ihren" Bergman entdeckt hat.

Es sollte lange dauern, bis Margarethe von Trotta in ersten eigenen Film machen konnte, aber dann, nach fast zwei Jahrzehnten als Schauspielerin und Autorin beziehungsweise als Co-Regisseurin an der Seite ihres damaligen Ehemanns Volker Schlöndorff, kam sie Bergmans Kosmos wieder nah, so fremd ihr die Persönlichkeit hinter dem charismatischen Image auch blieb.

An diesem Phänomen setzt Margarethe von Trottas Neugierde an. Nach München, wo er, nachdem er wegen einer entwürdigenden Steueranklage Schweden verlassen hatte, eine neue künstlerische Heimat fand - auch beim Ehepaar Schlöndorff/von Trotta. Und schließlich nach Farö, die kleine Insel, auf die sich Bergman zuletzt zurückgezogen hat.

Dabei trifft von Trotta nicht nur Weggefährten von Bergman- Schauspielerinnen wie Ullmann und Gunnel Lindblom, auch Gaby Dohm und Rita Russek, mit denen er am Münchner Residenztheater gearbeitet hat, oder Katinka Farago, die 30 Jahre lang seine Assistentin war. Man beginnt seine Werke zu verstehen und begreift, weshalb er unzählige Kinder von vielen verschiedenen Frauen hat.

Daneben spricht sie auch mit vielen Kollegen: mit Carlos Saura etwa oder Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, die wie sie von Bergman geprägt wurden. Sie leben von den starken Frauenfiguren, ergänzt der Regisseur Olivier Assayas. Bergman würde in unserem Zeitalter therapiefreundlicher Pathologisierung wohl als Borderliner qualifiziert, lehnte selbst jedoch empfohlene Heilungsmethoden radikal ab, um das innere Reservoir an Gefühlsintensitäten aus dieser dunklen Quelle weiter für seine Kreativität nutzen zu können. Und dennoch schafft es die wunderbare Montagekunst von Bettina Böhler und Margarethe von Trotta immer wieder, mithilfe der sinfonischen Musik von Bergmans langjährigem Hauskomponisten Erik Nordgren aus der nüchternen Kommentarebene in Bergmans Zauber- und Horrorwelt hinüberzublenden. Und wird so zur persönlichen Führerin durch Bergmans Sphären.

Auch dessen Abgründe werden dabei gestreift. Sein großes Vorbild August Strindberg schärfte seine stilistischen Instrumente und seine Experimentierlust, die autobiografischen Themen, gestörte Eltern-Kind-Beziehungen, Ehehöllen und Schuldgefühle in cineastische Schlüsselbilder zu übertragen. Und die tiefe Lebenskrise, die ihn in seinem Quasi-Exil in München erfasst hat. Der ergreifendste Moment aber ist wohl der, wenn Daniel Bergman erzählt, wie sein Vater im Alter im Sessel saß und stöhnte, wie sehr er seine Schauspieler vermisse. Das Kino Babylon zeigt von 12. Juli bis 12. August eine Bergman-Retrospektive.

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