Anordnung für Klerus:Papst macht Missbrauchsfälle meldepflichtig

Papst Franziskus

Papst Franziskus hat für die katholische Kirche eine Meldepflicht für Fälle sexuellen Missbrauchs erlassen. Kleriker und Ordensleute müssen Missbrauchs- und Vertuschungsfälle demnach ab Juni innerhalb der Kirche umgehend anzeigen. Auch die Vertuschung von Missbrauch stellt das Dekret unter Strafe. Zudem müssen alle Diözesen bis spätestens Juni 2020 ein leicht zugängliches Meldesystem für Anzeigen einrichten.

"Während diese Verpflichtung bis dato in einem gewissen Sinne dem persönlichen Gewissen überlassen war, wird sie nunmehr zu einer universell gültigen Rechtsvorschrift", erklärte ein Sprecher des Vatikans.

In dieser Hinsicht entspricht das neue Motu proprio dem jüngsten vatikanischen Gesetz (vom 26. März 2019).

In Österreich sind die Zuständigen daher die Erzbischöfe von Wien und Salzburg, Kardinal Christoph Schönborn und Franz Lackner.

Innerhalb von maximal 30 Tagen müssen sie die Verdachtsfälle dem Vatikan melden. Klar ist: Für Papst Franziskus und die katholische Kirche steht viel auf dem Spiel. Das gilt künftig nicht mehr nur im Fall minderjähriger und schutzbefohlener Opfer, sondern auch, wenn Ordensfrauen sowie abhängige volljährige Seminaristen oder Ordensnovizen und -novizinnen betroffen sind sowie im Fall von Kinderpornografie.

Ebenfalls ausdrücklich unangetastet bleibt das Beichtgeheimnis. "Wer eine Meldung erstattet, dem kann kein Schweigegebot hinsichtlich des Inhalts auferlegt werden", heißt es in dem Schreiben.

Die katholische Kirche steckt seit Jahren wegen Missbrauchsskandalen in vielen Ländern der Welt in einer ihrer schwersten Krisen. Franziskus stand nun stark unter Druck, seinen Worten von einer "Null Toleranz"-Politik endlich auch Taten folgen zu lassen".

Alle Kleriker und Ordensleute sind verpflichtet, den kirchlichen Behörden "unverzüglich alle ihnen bekannt gewordenen Berichte über Missbrauch zu melden".

Das nun veröffentlichte sogenannte "Motu proprio" (apostolisches Schreiben) ist eine Konsequenz aus dem Anti-Missbrauchs-Gipfel, zu dem der Papst Ende Februar die Vorsitzenden aller Bischofskonferenz in den Vatikan geladen hatte.

Insgesamt, sagte Erzbischof Charles Scicluna, seien die neuen Normen ein wichtiger Schritt nach vorne im Kampf gegen Missbrauch. Zuletzt stellte Franziskus einzig für den kleinen Staat der Vatikanstadt - in dem kaum Kinder leben - entsprechende Regeln auf. "Für Deutschland werden wir zeitnah prüfen, welche möglichen Auswirkungen das Dokument vor allem auf unsere nationalen Leitlinien hat", sagte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann. Auch Machtmissbrauch gelte als Form des Missbrauchs, hieß es. Jeder Bischof, jeder Priester, aber auch jeder katholische Gläubige ist künftig verpflichtet, Missbrauchsfälle zu melden. Wie genau diese Verfahren aussehen sollen, bestimmt der Papst nicht, das sollen die Ortskirchen je nach eigener Kultur und eigenen Gegebenheiten entscheiden.

Der Plan soll die Opfer in den Mittelpunkt stellen und Vertuschung sexuellen Missbrauchs künftig unmöglich machen. Wer mit der Ermittlung beauftragt ist, übermittelt dem Heiligen Stuhl nach 30 Tagen einen "Bericht über den Stand der Ermittlungen", die "innerhalb von 90 Tagen abgeschlossen sein müssen". Nach Abschluss der Untersuchung leitet der Erzbischof und Metropolit (oder in bestimmten Fällen, wenn es etwa um den Erzbischof selber geht, der Bischof der suffraganen Diözese mit höchster Seniorität) die Ergebnisse an das zuständige Vatikanamt weiter und beendet damit seine Arbeit.

Das Motu Proprio regelt außerdem die Ermittlungen gegen Bischöfe, Kardinäle, Ordensobere und all jene, die in verschiedenen Funktionen Leitungsverantwortung tragen, und sei es auch nur vorübergehend. Der Papst betont in dem Erlass, dass auch Laien mit spezifischen Kompetenzen in die Ermittlungen einbezogen werden können. Die letzte Verantwortung für die Ermittlungen bleibt freilich dem Metropoliten anvertraut. Tatsächlich muss die Beschuldigung obligatorisch erst bei Eröffnung eines formellen Verfahrens notifiziert werden, das kann in der Phase der Voruntersuchung noch unterlassen werden, sofern es für ratsam erscheint. Das Verfahren will sicherstellen, dass lokale Mittel und Strukturen auch bei der Frage der Ermittlung gegen Bischöfe genutzt werden.

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