Würzburger Studie: Antidepressivum hemmt Coronavirus | BR24

Symbolbild Antidepressivum

Ob und wie gut diese Präparate gegen Covid-19 wirken, ist noch nicht abschließend geklärt. Weltweit wurden bislang mehr als sieben Millionen Infizierte registriert und über 400.000 Todesfälle. Darunter etwa das Ebola-Medikament Remdesivir, der Malaria-Wirkstoff Hydroxychloroquin oder Dexamethason, das seit 1960 zur Behandlung von unterschiedlichen Entzündungen, bei rheumatoider Arthritis oder Asthma eingesetzt wird. Bei diesem Mittel konnte in mehreren Studien nachgewiesen werden, dass es den Krankheitsverlauf einer Coronavirus-Infektion positiv beeinflussen kann. So wollten die Wissenschaftler den großen Zeitaufwand umgehen, der bei bisher unerforschten Wirkstoffen durch klinische Studien anfällt, bevor sie auf den Markt kommen können. Das ist ein sehr zeitaufwändiges Prozedere.

Die Julius-Maximilians-Universität Würzburg bringt nun einen neuen Kandidaten aufs Tapet: Seit mehr als vier Jahrzehnten wird der Wirkstoff Fluoxetin beim Menschen zur Behandlung von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen verabreicht. Forscher der Uni Würzburg haben eine spannende Entdeckung gemacht. Für ihre Forschung beschäftigte sich das Team vorrangig mit den sogenannten "Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern" (SSRI).

Einer der SSRI ist beispielsweise "Fluoxetin". Fluoxetin wurde in den 1970er-Jahren in Kliniken eingeführt und ist ein ausführlich erforschtes Medikament. Für einen Test haben die Wissenschaftler im Forschungslabor nun menschliche Zellen mit dem Wirkstoff des Medikamentes in Verbindung gebracht. Anschließend wurden die Zellen mit SARS-CoV-2 infiziert.

Dass das Antidepressivum auch gegen das Coronavirus wirkt, hängt aber offenbar nicht mit der Hauptwirkung der SSRI zusammen: Diese besteht in einer Erhöhung des Konzentration Botenstoffs Serotonin im Gehirn, der dort eine ganze Reihe von Gefühlszuständen reguliert - insbesondere Ängste, Aggressivität, Kummer.

Die Auswirkungen auf dieses Experiment überprüften die Wissenschaftler nach einigen Tagen. Die Ergebnisse sind vielversprechend: "Fluoxetin hemmt SARS-CoV-2 bereits in einer sehr geringen Konzentration", so Professor Jochen Bodem vom Würzburger Institut für Virologie und Immunbiologie.

Verantwortlich dafür scheint jedoch nicht die eigentliche Aufgabe von Fluoxetin zu sein - der Eingriff in den Serotin-Wiederaufnahme-Prozess. In den Würzburger Studien zeigte sich, dass andere Medikamente aus der gleichen Stoffgruppe, die Vermehrung des Coronavirus nicht behinderten. Stattdessen hemmt Fluoxetin die Proteinexpression in dem Virus, wie Untersuchungen mit Immunfluoreszenz an einem von Erkrankten gewonnenen Antiserum zeigten.

Dieses hindert damit das Virus daran, die Bausteine zu bilden, die es für seine Vermehrung in der menschlichen Zelle benötigt. Wie die Universität am Dienstag mitteilt, haben Würzburger Virologen und Chemiker dazu jetzt eine Online-Studie auf einem Wissenschaftsserver veröffentlicht. Bei anderen Viren, wie etwa dem Tollwutvirus, dem Humanen Respiratorischen Synzytial-Virus, dem humanen Herpesvirus 8 oder dem Herpes-simplex-Virus Typ 1, konnten die Wissenschaftler keine Effekte beobachten. "Es spricht also alles dafür, dass Fluoxetin virusspezifisch wirkt, dennoch muss die Wirkung im Erkrankten bestätigt werden", so Virologe Jochen Bodem. Für eine Behandlung wäre das der Idealfall: Das Medikament ist seit mehr als 40 Jahren im klinischen Einsatz, gut erforscht, das Patent ist längst abgelaufen, es ist von verschiedenen Firmen erhältlich und relativ günstig. Aus Sicht der Wissenschaftler spricht danach vieles dafür, Fluoxetin bei der frühen Behandlung von SARS-CoV-2-infizierten Patienten in Heilversuchen und Studien einzusetzen, zumal bekannt ist, dass Fluoxetin die Zytokin-Ausschüttung stark vermindert und somit einen zusätzlichen Nutzen für Erkrankte hätte.

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