Gutachten zu Missbrauchsfällen: Woelki entlastet, Meisner belastet

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Unmittelbar nach der Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln hat Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki personelle Konsequenzen gezogen: Er entband am Donnerstag seinen Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und den Leiter des Erzbischöflichen Gerichts, Offizial Günter Assenmacher, wegen Pflichtverletzungen mit sofortiger Wirkung vorläufig von ihren Ämtern. Das sagten Gercke und die Rechtsanwältin Kerstin Stirner am Donnerstag in Köln bei der Vorstellung ihres Gutachtens. "Medial wäre es für uns am einfachsten gewesen, Herrn Woelki hier zum Schafott zu führen", sagte der Strafrechtler.

Dabei sei kirchenintern seit vielen Jahren klar: Es gebe "keine Sonderjustiz" mehr.

Bekannt ist, dass das erste Gutachten das Verhalten des früheren Kölner Personalchefs Stefan Heße - heute Erzbischof von Hamburg - kritisch beurteilt. Der Jurist hat den Umgang des Erzbistums mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs untersucht.

Heße bestreitet bisher die bereits in anderem Zusammenhang gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Ihm schreiben die Gutachter 11 Pflichtverletzungen zu. Davon seien sieben Pflichtverletzungen nicht ordnungsgemäß bearbeitete Missbrauchsfälle gewesen. Ein von Woelki in Auftrag gegebenes und noch unveröffentlichtes neues Missbrauchsgutachten für das Erzbistum Köln enthält hohe Zahlen. Diesem seien 24 Pflichtverletzungen und damit fast ein Drittel aller Fälle vorzuwerfen. Kardinal Woelki wird dagegen entlastet. "Die Staatsanwaltschaft hat das Gutachten bereits vor einigen Tagen von uns bekommen, damit sie auch Zeit hat, sich in Ruhe darauf vorzubereiten - vor der Öffentlichkeit", sagte Gercke am Mittwoch in der "WDR Lokalzeit" aus Köln.

Die Opfer waren mehrheitlich Buben. Bei 63 Prozent der Beschuldigten handle es sich um Kleriker, also Geistliche. In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in gut 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen Fälle stuft Gercke unter anderem als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen ein. Das erste Gutachten einer Münchner Kanzlei wird von Woelki unter Verschluss gehalten, wofür er rechtliche Bedenken anführt. Gercke hatte vorab mitgeteilt, dass seine im Jahr 1975 beginnende Untersuchung mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte aufführt. Woelki hatte ihn beauftragt, Verantwortliche namentlich zu benennen - gegebenenfalls auch ihn selbst.

► Der Fokus des Gutachtens liegt nicht auf den Tathergängen, sondern auf dem Agieren der Bistumsleitung.

Kardinal Woelki sagte nach der Vorstellung: "Ich habe diesen Tag auf der einen Seite herbeigesehnt (...) und ich habe diesen Tag, wie Sie sich das wohl ebenso vorstellen können, gefürchtet wie nichts anderes". Das Zurückhalten des ersten Gutachtens hatte für heftige Kritik von Betroffenen, aber auch innerhalb der katholischen Kirche und aus der Politik gesorgt. Sogar der ehemalige Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums, Oliver Vogt, trat aus Enttäuschung über den Umgang mit Missbrauch aus der Kirche aus. Diese kommen nun zu dem Ergebnis, dass weitere Pflichtverletzungen möglich sein können, feststellbar seien sie nicht. Dies sei jeweils Teil des normalen Protokolls nach kanonischem Recht gewesen, dennoch habe man sich bemüht, zu den betroffenen Akten Informationen einzuholen.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann (57) ist für Aufklärung sexualisierter Gewalt gegen Kinder zuständig. Er kritisiert Woelkis Hinhaltepolitik: "Das erzeugte eine große Enttäuschung und Irritation bei Betroffenen und der Öffentlichkeit". Auch Schulen, Bildungseinrichtungen, Museen und ein Radiosender gehören zur Diözese. Er ist der 95. Bischof des Erzbistums.

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